Test: Kindlers Literaturlexikon, dritte Auflage

16. Mai 2009 – 10:31 Matthias MĂĽller (4365x aufgerufen) |

Kindlers Literatur Lexikon zu beschreiben, hieße Eulen nach Athen tragen. Trotzdem sollen einige Passagen aus dem Vorwort zur dritten Auflage hier zitiert werden, um dem geneigten Publikum die Vorzüge der dritten Auflage näher zu bringen:[Zitat Anfang]

Kindlers Literatur Lexikon, oder einfach Der Kindler, ist eine Legende unter den Lexika. Mit ihm hat sich sein ›Erfinder‹, der Verleger Helmut Kindler, ein sehr wirkungsmächtiges und nachhaltiges, stets mit seinem Namen identifiziertes kulturelles Denkmal gesetzt. […]

[Die] Prinzipien [waren]: [Der Kindler] war keine Enzyklopädie im herkömmlichen Sinne, wollte nun aber nicht mehr nur Bestandsaufnahmen bieten, sondern neue Wertungen ermöglichen und transportieren. Die Redaktion des zweiten Kindler schrieb damals in ihrer EinfĂĽhrung: »Im Hinblick auf die Vielzahl der in diesem Lexikon präsentierten Literaturen wäre eine Auswahl, die sich auf allgemein anerkannte Meisterwerke beschränkt, ohnehin zufällig und fragwĂĽrdig. Die ästhetischen Kategorien, die in der abendländischen Literatur seit Aristoteles entwickelt worden sind, haben keine GĂĽltigkeit fĂĽr Werke, die in ganz anders strukturierten Kulturbereichen entstanden und andere Lebenshaltungen spiegeln. […] Es sind daher in dieses Lexikon auch Schriftwerke aus allen Zweigen der Geistes- und Naturwissenschaften einbezogen worden, soweit sie die Entwicklung der Geschichte, das Gesicht der Nation, eines Volksstammes mitbestimmt haben.« Diese Frage der Auswahl des zugleich Wichtigen und im jeweils nationalen Kontext Charakteristischen ist fĂĽr die europäischen und amerikanischen Literaturen verhältnismäßig leicht zu beantworten – sie impliziert fĂĽr ein Lexikon wie den Kindler, das ja die bedeutenden Werke der Welt aus allen Zeiten vorzustellen beansprucht, die Frage nach dem einen, eben dem Kindler-Kanon, der aber nur eine asymmetrische Summe aller Kanones der unterschiedlichsten, miteinander kaum vergleichbaren Nationalliteraturen sein kann; und dies insbesondere (und notgedrungen) aus europäischer Perspektive war.

Die Arbeit an der dritten Auflage des Kindler wurde mit einer grundlegenden Revision des Lexikonbestandes begonnen. […] Auf einer Fachberaterkonferenz im November 2004 wurden Voraussetzungen und Kriterien fĂĽr eine dritte Auflage des Kindler diskutiert – dass dies ein völlig neu zu erarbeitender Kindler sein mĂĽsse, war sehr schnell klar. Denn beispielsweise die politischen, ideologischen und kulturellen Transformationen im sogenannten ›Ostblock‹, aber auch die durch das Internet verstärkte Globalisierung und umfassendere Wahrnehmung der unterschiedlichen Kulturen der Welt erzwangen geradezu Neubewertungen bei der Edition eines neuen Kindler: Ganze Bibliotheken im Bereich der sozialistischen Staaten wurden binnen kurzem Makulatur, unterdrĂĽckte Literaturen fanden verstärkt ihre Ă–ffentlichkeit; afrikanische Literaturen entwickelten sich und wurden genauer wahrgenommen; asiatische Literaturen rĂĽckten mehr ins europäische Blickfeld. Andererseits bedurften veraltete oder obsolet gewordene Interpretationsansätze der Revision – ĂĽberhaupt sollten zeitgeistbedingte und ideologiebefrachtete Interpretationen vermieden werden und die Darstellungen der aufgenommenen Werke sachlich informativ sein.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Kanonfrage diskutiert. […] Der literarische Kanon ist weder ein Mausoleum, das veraltete Werke fĂĽr die Ewigkeit einlagert, noch eine Bestseller-Hitliste, die schon bald wieder vergessen ist. Literarische Kanonbildung ist vielmehr ein dynamischer, lebendiger Prozess: Was Gesellschaften fĂĽr bedeutend und wichtig halten, verändert sich ständig. Jede Zeit ›erfindet‹ ihren Kanon neu. […]

Kanonbildung ist kein willkürliches, nach beliebigen Kriterien betriebenes Geschäft, viele Mitspieler sind daran beteiligt. Universitäten und Schulen, die Theater mit ihren Spielplänen und die Verlage, der Buchmarkt, das Feuilleton und die Literaturkritik sichern das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft: Kanonproduktion und Kanonresonanz sind vielstimmig und komplex.

Und doch entscheiden weder LektĂĽrelisten und PrĂĽfungsinhalte noch die täglich wechselnden Rankings der Medien und das Buchsortiment allein ĂĽber den literarischen Kanon. Ohne das Publikum, ohne Leser und Zuschauer, bleibt kein Kanonwerk auf Dauer lebendig. Daher verbindet der Kindler die institutionelle und lebensweltliche Kanonresonanz, er berĂĽcksichtigt als fachgerecht angelegtes, umfassendes, fĂĽr den Lesealltag wie fĂĽr Studienzwecke geschaffenes Speichermedium die literarischen Werke aus den Kanones der Schulen und Hochschulen, der Wissenschaften und der literarischen Archive, aber auch und vor allem die breite Palette der Titel, die viele Leserinnen und Leser am beginnenden 21. Jahrhundert interessieren könnten: als offenes Angebot aus den Literaturen aller Zeiten und Länder. […]

Etwa 7900 Artikel im neuen Kindler wurden aus dem alten Kindler übernommen und bearbeitet, etwa 5900 Artikel wurden neu geschrieben. Hinzu kommen über 7700 ›Biogramme‹ mit den wichtigsten Informationen zum Leben und Wirken der mit ihren Werken vorgestellten Autoren – viel Neues sicherlich nicht über Shakespeare, Goethe, Dante oder Faulkner, aber zu den meisten der weniger bekannten Autoren der Weltliteratur aus allen Zeiten.

Neu sind auch die vermehrten Werkgruppenartikel, deren Typus bereits im zweiten Kindler mit »Das lyrische Werk« eingeführt worden war. Er wird nun auch angewandt auf dramatische, erzählerische, essayistische usw. (Gesamt-)Werke. Werkgruppenartikel erfüllen mehrere Funktionen: Zum einen werden mit ihnen literarische Zyklen (Trilogien, Tetralogien usw.) komplex erfasst und beschrieben. Zum anderen ermöglichen sie Überblicke bei umfangreicheren gattungsspezifischen Gesamtwerken, aus denen, ihrer Bedeutung angemessen, früher nur je ein einziges Werk im Kindler vorgestellt wurde – so können, nach einer Einführung über die Grundzüge eines z.B. dramatischen Gesamtwerks, einzelne Dramen im Kontext der anderen relativiert oder hervorgehoben werden. In Werkgruppenartikeln zu Autoren des Zentralkanons mit umfangreichen Werkkomplexen unterschiedlicher Gattungen wiederum werden die grundlegenden Erkenntnisse zu den entsprechenden Werkkomplexen erörtert und kleinere Werke besprochen; an sie schließen sich Werkartikel zu einzelnen großen Werken an: Goethe: »Das dramatische Werk« – »Götz von Berlichingen« – »Iphigenie auf Tauris« – »Torquato Tasso« – »Faust«.

Die Werkgruppenartikel erlauben eine umfassendere und flexiblere Darstellung der Weltliteratur sowie eine breitere BerĂĽcksichtigung von Werken und Titeln. Etwa 2400 Werkgruppenartikel stehen neben knapp 10700 Werkartikeln; hinzu kommen ĂĽber 750 Artikel zu anonymen Werken (die nun nicht im Anhang separiert, sondern alphabetisch eingeordnet wurden), darunter an die 220 groĂźe Sammelartikel vom Typus Bibel, Mahabharata und Alexanderroman.

[… Zum Abschluss noch ein Bild des Herausgebers, das die Grundidee des Kindlers beschreibt:] Der Kindler ist wie der klare bestirnte Himmel mit all seinen Planeten und Monden, Fixsternen, Sonnensystemen und Galaxien. NatĂĽrlich ist das Universum sehr viel größer als das, was wir am Firmament erkennen können. Um tiefer in dieses Universum hineinzublicken, braucht man Teleskope. Um das Universum alles erst Geschriebenen und seit dem 15. Jahrhundert auch Gedruckten zu erkunden, bedarf es spezieller Lexika, eben der vielen Fachlexika. Im Kindler aber sind von den literarischen und kulturellen Werken aller Zeiten und Länder nur die zu finden, die wir, analog gesprochen, wie die unterschiedlichen Gestirne ohne Fernrohr am Himmel sehen und erkennen können. Also all jene Werke der schriftlich fixierten Weltkultur, die der an ihr interessierte gebildete und sich bildende Laie – und auch der Experte ist auf den meisten Gebieten Laie – kennenlernen möchte und durch den Kindler kennenlernen kann. [Zitat Ende]

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer: Der Test dauert vier Wochen. Je mehr Nutzer ihr Interesse über die virtuelle Auskunft, eine Mail an die SULB etc. ausdrücken, desto größer ist die Chance, den Kindler nach dem Test als abonniertes Werk weiterlesen zu können. Überschütten Sie uns mit Feedback!

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