Das Verschwinden des Weisen, oder: Über den digitalen Schwund im Lizenzzeitalter

15. Februar 2013 – 18:03 Thomas Kees (2958x aufgerufen) |

bofingerAnfang Februar häuften sich in der SULB Anfragen, warum wichtige wirtschaftswissenschaftliche Grundlagenliteratur, die zuvor elektronisch zur Verfügung gestanden hatte, urplötzlich nicht mehr aufgerufen werden konnte. Konkret und im Vorfeld wichtiger Klausuren recht schmerzlich vermisst wurden beispielsweise Peter Bofingers Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, das Standardwerk eines Wirtschaftsweisen, das in jede wissenschaftliche Bibliothek gehört, die dieses Spektrum auch nur am Rande erfasst. In der Regel lassen sich solche Zugriffsprobleme relativ schnell beheben. Mal sind es Fehler auf Benutzerseite (z.B. „Off-Campus“-Aufrufversuche ohne VPN), mal haben Onlineportale oder -verlage die Objekte fehlerhaft verzeichnet oder nicht korrekt für die UdS freigegeben. Doch dieser Fall lag anders. Der Weise blieb verschwunden. Was war geschehen?

 

Bibliotheken erwerben seit geraumer Zeit sog. digitale Ressourcen, ein technisch-spröder Ausdruck für die hochgradig nachgefragten und beliebten Informationsmittel elektronische Bücher (E-Books), elektronische Zeitschriften (E-Journals) und Online-Datenbanken. Im Gegensatz zum gedruckten Papier muss man diese Medien nicht ausleihen, vormerken, abholen, zurückbringen. Es fallen keine Gebühren an, wenn man die Leihfrist überzieht. Und sie stehen auch nachts und am Wochenende zur Verfügung, wenn man denn nachts und am Wochenende nichts besseres zu tun hat, als nach solchen Dingen im Onlinekatalog zu recherchieren. Da die Erwerbungsmittel der meisten Bibliotheken für eine Doppelanschaffung (Papier und Online) nicht ausreichen, entscheiden sich heute viele Bibliothekare im Zweifel für das elektronische Produkt, das, im Regelfall, auch für mehrere Zugriffe zur Verfügung steht und nicht „ausgeliehen“ sein kann. Auch hier gibt es einen technisch-spröden Ausdruck: e-only. Erworben wird also nur das elektronische Medium in der Erwartung, dass es dauerhaft zur Verfügung steht.

 

Diese Erwartung trügt nur selten, denn auch die Erwerbung eines E-Books ist rechtlich betrachtet ein Kauf mit dauerhaftem Zugriffsrecht, die Lizenzierung eines E-Jounals eine Miete, allerdings in der Regel ebenfalls mit dauerhaften Zugriffsrecht („Archivrecht“) ausgestaltet. Nur die Onlinedatenbank kann bei akuter Geldknappheit ganz wegfallen, doch ersetzt sie weder Buch noch Zeitschrift, die ihretwegen nicht angeschafft wurden. Unter den Datenbanken gibt es allerdings einen Typus, der immer wieder für Verdruss sorgt, die sog. Aggregatordatenbank. In einer solche Datenbank werden neben den primären bibliographischen Metadaten auch Volltexte aggregiert, sie enthalten also selbst E-Journals und/oder E-Books, die der ursprüngliche Rechteinhaber im Wege einer Zweitverwertung anderen Anbietern zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellt. Bekannte Aggregatordatenbanken sind beispielsweise die EBSCO-Datenbanken „Business Source Premier“ und „Academic Search Complete“, über die die SULB (Stand Februar 2013) ca. 30500 Zeitschriften online anbieten kann. Meist mit kleinen Einschränkungen, z.B. mit Auslassung der letzten Hefte oder des letzten Jahres, dafür aber günstig und gut erschlossen. Die Anbieter solcher Aggregatordatenbanken sind davon abhängig, welche Rechte und welche Inhalte ihnen die Rechteinhaber (in der Regel Verlage) als Zweitverwerter vertraglich einräumen. Bei periodischem Schrifttum, also v.a. Zeitschriften, kann sich dies ändern. Steht eine Zeitschrift in dem einen Jahr noch als Volltext in einer Datenbank zur Verfügung, wird dieses Recht evtl. nach einem Verlagswechsel von dem neuen Eigentümer dem Aggregator entzogen. Die Gründe können vielfältiger Natur sein, z.B. die möglichst konkurrenzfreie Selbstvermarktung oder die Fokussierung der Kundschaft auf das eigene Portal, das auch als Vertriebskanal für andere Produkte des Verlags dient. Bibliothekare kennen diese Hintergründe und richten Ihre Erwerbungsentscheidungen (oder Entscheidung zur Kündigung bestehender Abonnements) bei Zeitschriften nicht danach aus, ob der Titel in einer Aggregatordatenbank enthalten ist, denn mehr als eine Momentaufnahme ist ein solcher Sachverhalt kaum. Anders bei Büchern. Im Fall von E-Books geht man davon aus, dass in eine Datenbank integrierte Titel als Kaufobjekte dauerhaft zur Verfügung stehen. Und zwar so lange, wie die Bibliothek sich die Datenbank als solche leisten kann. Falsch gedacht…

 

Die Fachdatenbank WISO ist für sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Disziplinen eine eingeführte Marke, quasi unverzichtbar. Vor einigen Jahren hat der Anbieter GBI-Genios begonnen, Volltextressourcen zu akquirieren und in die ursprünglich bibliographische Datenbank zu integrieren. WISO ist heute also eine der oben beschriebenen Aggregratordatenbanken mit Zweitverwertungsrecht ausgewählter Volltexte. Stolz vermeldet der Betreiber das Vorhandensein von über 1700 E-Books und über 350 Fachzeitschriften. Eines der 1700 E-Books war, Sie ahnen es, das Grundlagenwerk unseres Weisen. Am 28.12.2012 verschickte GBI-Genios eine E-Mail an die Kunden, dass einige E-Books „auf Wunsch des Produzenten zum 31.12.2012 aus unserem Datenbank-Bestand gelöscht werden“. Konkret hatte der Verlag Pearson Studium seinem bis-dato-Lizenznehmer GBI-Genios das Anzeigerecht auf folgende Titel entzogen bzw. für das Jahr 2013 nicht mehr verlängert:

 

 

Welche Gründe den Verlag bewogen haben mögen, dem Zweitverwerter das Recht auf Integration dieser Bücher zu nehmen, entzieht sich unserer Kenntnis. Vielleicht waren die Zugriffszahlen zu hoch, die Nutzung zu gut, der eigene Buchabsatz dadurch gefährdet. Dass aber die SULB diese elektronisch zuvor ja vorhandenen Titel nicht als Papierausgabe erworben hatte, erwies sich nun als böses Versäumnis, das nur durch eine eilens durchgeführte Notbeschaffung für die Lehrbuchsammlung einigermaßen behoben werden konnte. Zurück bleibt Unsicherheit, wie verlässlich der digitale Bestand der Aggregatoren im Zweifel ist. Die Doppelfinanzierung als Ausweg aus der Misere scheidet aus, die Rückkehr zum reinen Papiermedium kann beim Vorhandensein einer digitalen Ausgabe ebenfalls nicht Ziel einer modernen Bibliothek sein. Zurück bleibt aber auch die Hoffnung und die Forderung, dass die Vertragsgrundlage unserer Datenbankpartner in Zukunft etwas solider gestaltet werden kann, als es in diesem Beispiel der Fall war. Und eines hat Pearson Studium mit diesem Schritt sicher nicht erleichtert: das Studium.

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