„Muss ich das lesen?“ – Antworten gibt recensio.net

18. Juli 2013 – 23:42 Thomas Kees (2962x aufgerufen) |

„Muss ich das lesen?“, fragte Anfang Februar 2013 der Luzerner Mediävist und Frühneuzeithistoriker Valentin Groebner auf der von der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) in München ausgerichteten Tagung „Rezensieren – Kommentieren – Bloggen: Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft?“.  Unabhängig von der ernüchternden Absage an die Utopie einer universalen, diskursiven, demokratischen, aktiven Wissens- und Ideenverbreitung mittels Vernetzung und dem Durchbruch sozialer Medien (die Groebner als Neuauflage des „weiche(n) warme(n) Hippie-Kitsch(es)“ früherer Zeiten ansieht), bleibt in dem von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publizierten Beitrag die Erkenntnis dieses streitbaren Historikers zurück, dass die Geschichtswissenschaft wie alle Kulturwissenschaften „im Moment in einer Phase fetter Überproduktion (stecke)“.

 

Das Unbehagen, angesichts einer überbordenden Textproduktion kaum den Überblick behalten und Relevantes von Irrelevantem trennen zu können, ist sicher nicht neu. Im digitalen Zeitalter wird dieses Phänomen aber verstärkt durch die Überfülle online verfügbarer Beiträge, die zum einen als Parallelveröffentlichungen klassischer Wissenschaftsmedien, also als E-Books oder E-Journals, daherkommen, zum anderen aber als neue Web-originäre Veröffentlichungsformen an deren Seite treten und in mancherlei Hinsicht den Rezeptionsdruck verstärken. Beiträge in Fachportalen, institutionellen oder persönlichen Weblogs, Wikis und anderen Plattformen bieten selten die fertige Form, das endgültige Ergebnis, die stabile Aussage, wie dies zumindest in Büchern (dem Anspruch nach) der Fall war, sie ergänzen diese Veröffentlichungsarten aber mit genuin wissenschaftlichen Kommunikationsformen: dem Kurzbeitrag, dem Einwurf, der Entgegnung, dem Kommentar, dem Widerspruch, kurz: dem Diskurs in aktueller, dynamischer, moderner Form.

 

Forschungsbegleitende Onlineplattformen mögen in anderen Wissenschaften eine längere Tradition aufweisen (etwa die häufig genannten Preprints der Physiker), sie kommen aber auch in den Geisteswissenschaften langsam in Schwung. Die Kölner Historikerin Gudrun Gersmann, frühere Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Paris, berichtete auf der oben erwähnten Tagung, dass wissenschaftliche Blogs in Frankreich als „Cahiers de Recherche“ verstanden werden und mitunter einen ähnlichen Stellenwert aufweisen wie Fachzeitschriften. Noch werden – ein selbstkritischer Kommentar – diese in zunehmendem Maße fachlich relevanten Forschungsressourcen von Bibliotheken und Dokumentationsstellen allerdings in ungleich geringerem Maße ausgewertet und in Katalogen bzw. Datenbanken nachgewiesen als Beiträge in herkömmlichen Fachorganen.

 

Die in diesem Beitrag eigentlich vorzustellende geschichtswissenschaftliche europäische Rezensionsplattform „recensio.net“ ist sicher auch nicht geeignet, Schneisen in das Dickicht des Webveröffentlichungsdschungels zu schlagen. Das vom Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte Mainz (IEG), dem Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität zu Köln und der Bayerischen Staatsbibliothek betriebene und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt greift als explizites Rezensionsorgan sogar die klassische Bewertungsform, die Rezension bereits erschienener Literatur, auf, erweitert sie aber um zeit- und „webgemäße“ Funktionen.

 

„recensio.net“ …

  • aggregiert „verstreut“ veröffentlichte Besprechungen und kooperiert dazu mit einer FĂĽlle von Fachzeitschriften von A wie „Annales“ bis Z wie „Zeitschrift fĂĽr Ostmitteleuropa-Forschung (ZfO)“. Die Redaktionen erreichen damit zum einen eine breitere Streuung dieser Inhalte und profitieren zum anderen von den Zusatzleistungen der Bayerischen Staatsbibliothek, die die Rezensionen verschlagwortet und mit dem Datensatz des Bayerischen Verbundkatalogs verknĂĽpft (der auch in den „Karlsruher Virtuellen Katalog“ eingebunden ist). Leser mĂĽssen daher nicht einzelnen Besprechungen in verschiedenen Fach- oder Rezensionsorganen hinterherspĂĽren, sondern finden auf „resensio.net“ profilierte Sammlungen oder in ihrem Bibliothekskatalog eine auf der Plattform hinterlegte Rezension,
  • bietet der Fachgemeinschaft die Möglichkeit, Werke und Rezensionen zu kommentieren bzw. zu diskutieren. Eine einfache Registrierung vorausgesetzt, beginnen Sie eine inhaltliche Diskussion auf einer Plattform, die gut vernetzt, dauerhaft, redaktionell ĂĽberprĂĽft und in Fachkreisen bereits renommiert ist,
  • erlaubt die Präsentation eigener Neuerscheinungen, die einem breiten Kreis fachlich Interessierter vor- und v.a. zur Diskussion gestellt werden können. Dass „recensio.net“ als Rezensionsplattform fĂĽr Geschichtswissenschaft dabei keine verengte Fachsicht anlegt, beweist das kĂĽrzlich hier präsentierte, vom SaarbrĂĽcker Romanisten Hans-JĂĽrgen LĂĽsebrink herausgegebene Werk „Französische Almanachkultur im deutschen Sprachraum (1700-1815)“, dem eine breite Leserschaft zu wĂĽnschen ist. Die Verzeichnung auf „resensio.net“ wird vielleicht dazu beitragen.
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