Ihr persönliches Leseprojekt

6. Januar 2014 – 13:42 ppred (3931x aufgerufen) |
Bild einer Person aufgenommen in Bewegungsunschärfe.

Fotoaufnahme von Pedro Figueiredo. CC-BY-SA 2.0

Repetitio est mater studiorum“ – das war einmal! …als die Bücher noch rar waren, das Wissen ein mal für ein ganzes Leben eingeprägt werden musste und mündlich an die nächste Generation weiter gereicht wurde.

Heute kämpfen wir eher mit einer erschreckenden Literaturflut und verwerfen das Erlernte so schnell, dass wir ohne ein gutes Lesevermögen kaum noch Chancen im Studium und Beruf haben. Dabei ist das schnelle und effiziente Lesen keine angeborene Fähigkeit noch ein Geschenk des Himmels. Es kann trainiert und erlernt  werden.

Nehmen sie sich einige Minuten Zeit für diesen Artikel und erfahren sie, wie man mit „Speed Reading“, „Improved reading“, „Skimming“ oder ganz einfachen Tricks die Literaturberge schneller abarbeitet.

Lesen? Das kann doch jeder!

„Wer auf die Uni geschafft hat, kann lesen“ – könnte man meinen. „Alle können gleich gut lesen“ – denken die meisten. Doch die Realität zeigt, dass das Lesen unterschiedlich schnell sein kann und das Erfassen des gelesenen nicht immer gut gelingt. Vielleicht haben sie sich schon einmal gewundert, dass ihre Mitstudenten aus dem selben Buch mehr Wissen gewonnen haben als sie. Oder sich darüber geärgert, dass die Buch-Vorbestellung so lange auf sich warten ließ. Beides kann mit dem Lesevermögen zusammenhängen. „Denn Lesen lernen muss man zweimal!

Dieser Meinung ist Wolfgang Schmitz. In seinem Buch „Schneller Lesen. Besser Verstehen.“ (im Bestand der SULB – drei Exemplare im Lesesaal sowie ein im Freihandbereich/U1 verfügbar) beschreibt er zunächst die theoretischen Grundlagen des Lesens als Zusammenspiel von Augen und Gehirn. Auf dieser Basis gibt er Hinweise zur Optimierung des Vorgangs. Abgeschlossen wird das Buch mit praktischen Übungen und Tests. Ein wirklich „lesenswertes“ Buch.

Eine günstige Alternative stellt der Ratgeber von Marting Krengel dar. „30 Minuten für ein effizientes Lesen“ ist eine gute Einführung mit Vorschlägen für die alltägliche Praxis. Einige davon sollen hier kurz vorgestellt werden. Doch Vorsicht: Es sind Vorschläge, die nicht immer den Gewohnheiten und Fähigkeiten des Lesers entsprechen. Probieren sie es aus. Finden sie heraus, was ihnen hilft. Vergleichen sie, was ihren persönlichen Lesefluss am meisten fördert.

Starten sie in ihr privates Leseprojekt und lassen sich überraschen!

  • Sind die Lesebedingungen optimal? Die Körperhaltung, das Licht oder die Umgebungsgeräusche als Faktoren sind allgemein bekannt. Vielen Menschen ist der Zusammenhang zwischen ihrem Biorhythmus und dem Lesen nicht bewusst: Wir lesen je nach Uhrzeit unterschiedlich konzentriert und somit unterschiedlich schnell. Die einen sind abends am effektivsten, die anderen kurz nach dem Aufwachen.
  • Die Abwechslung sorgt für höhere Aufnahmefähigkeit. Lesen sie kein Buch von A bis Z, Satz für Satz. Unkritisches lineares Konsumieren macht müde. Regelmäßiger Wechsel der Lektüre bringt vielen Lesern neue Kraft, der Abschluss eines (noch so kleinen) Schrittes wie „Kapitel“ oder „Überblick über die Struktur gewonnen“  – ein Erfolgserlebnis. Mischen sie unterschiedliche „Verarbeitungsstufen“ bunt durcheinander: nach dem Pauken von Definitionen kommt das Blättern im Inhaltsverzeichnis eines anderen Buches, nach dem Ende des Aufsatzes eine sehr kurze Zusammenfassung im Notizbuch oder eine kurze Diskussion mit Kollegen. Kommen sie beim Lesen nicht ins Schwitzen und verhindern sie ein gelangweiltes (geistiges) Gähnen.
  • Springen sie nicht sofort ins tiefe Wasser! Nehmen sie das Buch in die Hand und versuchen sie einen Überblick zu gewinnen. Kennen sie den Autor? Passt er in das aktuelle Thema? Was sagen Rezensenten über dieses Werk? Was ist von dem Buch zu erwarten und was nicht? Sind alle Kapitel gleich wichtig oder reicht nur die Hälfte davon? Suchen sie die Kernaussagen des Werkes! Sie finden diese im Fazit, während die Einführung einen Überblick über das Themengebiet verschafft und als „Bedienungsanleitung zum Buch“ verstanden werden kann. Versuchen sie herauszufinden, wo was zu finden ist. Exkursionen und Beispiele werden manchmal schon typographisch (meist kursiv) hervorgehoben, längere Zitate als Block eingerückt und die Definitionen eingerahmt. Manchmal ist es gar nicht der Fall. Je besser sie das Buch kennen, bevor sie es lesen, desto besser können sie es einschätzen.
  • Querlesen, Auszeichnen und Einprägen sind drei verschiedene Verarbeitungsstufen. Beim sog. Querlesen gewinnen sie den Einblick in die Inhalte. Mit Skimming überfliegen sie den Text und schauen welche Schlagworte (Orte, Personen, Daten, Kennzahlen, Begriffe) drin vorkommen. Dazu reicht es jede zweite Zeile anzuschauen. Mit Scanning suchen sie unter den Wörtern die Begriffe, die für sie von Interesse sind. Finden sie unbekannte Begriffe und klären sie deren Bedeutung, bevor sie in das „echte“ Lesen einsteigen. Reicht die Konzentration nicht für genaues Lesen, suchen und markieren sie die Stellen, die ihnen wichtig erscheinen (und noch einmal anzuschauen sind). In ihren eigenen Büchern oder Kopien können sie sich mit Bleistift und Marker nach Belieben austoben: Variieren sie zwischen Unterstreichungen, Highlights, Rahmen und Linien am Rand. Sortieren sie vor, was sie noch einmal lesen wollen oder müssen und streichen durch, was sie für überflüssig halten. Figuren oder kurze Notizen am Rand sorgen für bessere Wiederauffindbarkeit.
  • Springen sie nicht mit den Augen von Wort zu Wort, sprechen sie nicht mit. Das Speedreading basiert auf 3 Grundprinzipien: Man soll mehrere Wörter auf einmal fokussieren, Rücksprünge vermeiden und keine Lautbildung benutzen. Diese drei Faktoren lösen die Bremsen beim Lesen. Das Fokussieren einzelner Wörter bremst uns aus, weil die Augen dafür zu viel Zeit verbrauchen. Sie sollten über den Text „gleiten“ indem sie optimaler Weise Gruppen von vier Wörtern gleichzeitig erfassen. Laut Krengel ist der obere Teil der Textzeile wichtiger, weil für die Erkennung von Wörtern wichtiger. Rücksprünge zu überlesenen Wörtern nehmen die meiste Zeit in Anspruch, bringen aber in den meisten Fällen nur einen marginalen Informationsgewinn. Das „stille Mitsprechen“ (sog. Lautieren) stammt aus unserer Kindheit als wir noch lesen lernten. Für einen geübten Leser bringt es keinen Gewinn. Im Gegenteil: die Lautbildung belastet das Gehirn unnötig.
  • Gewonnene Informationen aufbewahren. Ein Buch enthält kein Wissen, sondern lediglich Informationen. Zum Wissen werden sie erst, wenn sie vom Gehirn mit dem „restlichen Datenbestand“ sinnvoll verknüpft worden sind. Das passiert oft erst bei der Wiedergabe des Gelesenen. Machen sie Notizen. So erstellen sie Zusammenfassungen, die ihr Verständnis der Inhalte fördert und als Wegweiser zu den Quellen dienen kann. So müssen sie die Bücher nicht länger zu Hause aufbewahren als nötig – sie haben die Quintessenz ohne Ballast, jederzeit verfügbar!
  • Schaffen sie Überblick und Ordnung. Sortieren sie nach Fächern. Priorisieren sie nach Dringlichkeit, Wichtigkeit und inhaltlicher Dichte. Wenn sie abschätzen können, was sie bis wann gelesen haben müssen, wissen sie auch, wie die „Nice-to-have“-Bücher in ihr Zeitbudget passen. Wenn sie erahnen, wie leicht oder schwer ihnen das Lesen bestimmter Werke fällt, wird der Zeitaufwand klarer. Lexika und fremdsprachige wissenschaftliche Literatur sind mit Ratgebern oder (pseudo-)historischen Romanen nicht zu vergleichen.

Was tun, wenn Literatur nicht weiterhilft?

Wenn ihnen Bücher zu wenig praxisnah erscheinen und sie Zeit und Geld in diese Fähigkeit investieren wollen, nehmen sie an Lesetraining-Kursen teil! Die unzähligen Angebote findet man recht einfach: Geben Sie einfach „Speed Reading“, „Improved Reading“ oder „schneller lesen“ in die Suchmaschine ihrer Wahl ein. Die Schwerpunkte richten sich meist nach den verwendeten Begriffen. Bei einigen Anbietern geht es vor allem um die Lesegeschwindigkeit (Augen-Gerhirn-Training), bei den anderen um höhere Aufnahmefähigkeit (Effizienz). Noch andere zeigen Methoden zur Bewältigung großer Textmengen durch geschickte Selektion und „persönliche Stenos“.

Machen Sie das Jahr 2014 zu Ihrem Leseprojekt-Jahr. Ich wünsche dabei viel Erfolg!

Ein kleines Nachwort: Vielleicht staunen sie über diesen Beitrag im SULBLog.  Das Gelingen ihres Leseprojektes ist im Sinne unserer Nutzer. Nicht jedes Buch kann in ausreichender Zahl zur Verfügung gestellt werden. (Es ist auch nicht immer ökonomisch und ökologisch sinnvoll.) Von höherer Effizienz beim Lesen profitieren jedoch SIE am meisten!

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