Unn? Alles „open“? – Zur Barrierefreiheit und Archivierbarkeit wissenschaftlicher Online-Publikationen.

31. Juli 2014 – 23:34 ppred (5263x aufgerufen) |
Foto eines Buches mit Blindenschrift

Autor: Jason Pearce, CC BY-NC-SA 2.0

Das englische Wort „open“ – zu deutsch „offen“ – erlebt seit einigen Jahren einen Hype und wird zunehmend inflationär verwendet. Da ist das erfolgreiche Open Source, Open Access, Open Data, Open Office, OpenStreetMap. Ja sogar openPetition – eine Plattform fĂĽr Petitionen an Regierungen und Parlamente – gibt es. Man könnte glauben, all dies ist fĂĽr alle frei und zugänglich. Doch weit gefehlt. Eine nicht zu unterschätzende Gruppe von Menschen muss einige Hindernisse ĂĽberwinden, um von diesem Erfolg des angeblich so Offenen profitieren zu können. Es sind Menschen mit eingeschränkten Wahrnehmungsmöglichkeiten (Sehbehinderte, Blinde, Schwerhörige und Taube) oder sonstigen Handicaps. Mit geringem Aufwand können die Barrieren abgebaut werden. Die SULB stellt im Rahmen ihrer Aufgaben entsprechend ausgestattete Rechner und Geräte zur VerfĂĽgung, die den behinderten Benutzern vor Ort den Zugang zu analogen und digitalen Medien ermöglichen. Die Geräte alleine können keine Barrieren in digitalen Medien entfernen. Solche Hindernisse dĂĽrfen gar nicht erst entstehen. Wie das geht, ist das Thema dieses Beitrags.

Seit 2002 schreibt die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) die Einhaltung von Zugänglichkeitrichtlinien für alle neu gestalteten (spätestens aber ab 2006 für alle) Internetangebote und graphische Benutzeroberflächen von Programmen der Bundesverwaltung und ihrer Einrichtungen vor. Ähnliche Gesetze gelten auf der Landesebene. Die EU verpflichtet sich selbst und alle ihre Auftragnehmer nach Mandat 376 zur Einhaltung der Europäischen Norm “EN 301 549”.

Was bedeutet das fĂĽr den Wissenschaftler?

Direkt sind damit zunächst die Einrichtungen wie die SULB oder die Universität zur Einhaltung der Vorschriften verpflichtet. Mittelbar unterliegt auch der Wissenschaftler den gesetzlichen Anforderungen, die öffentlich zugängliche digitale Produkte seiner Tätigkeit im Auftrag des Landes, des Bundes oder der EU barrierefrei zu gestalten. Wird ein Forschungsreport auf der Internetseite des Lehrstuhls veröffentlicht, gilt für diesen prinzipiell das Gleiche wie für die Internetseite.

In der Praxis wird die PDF-Datei, die zu diesem Zweck optimal ist, einige zusätzliche Funktionen anbieten müssen. Sie darf kein Faksimile sein – Screenreader können keine Bilder (oder Abbilder eines Textes) vorlesen. Einige alte „PDF-Drucker“ erstellen auf diese Art und Weise die PDF-Dateien. Zum Glück ist es kinderleicht, diesen Malus zu entdecken: Lässt sich der abgebildete Text mit dem Textauswahlwerkzeug nicht selektieren, liegt ein Faksimile vor.

Haben Sie schon eine Dissertation ohne Überschriften oder gar Inhaltsverzeichnis studiert? Es fällt schwer, ohne die Auszeichnungen für einen neuen Kapitel, ohne eine Überschrift oder ohne die Seitennummer aus zu kommen. In dieser Situation befinden sich Menschen, die mit einem Screenreader den Inhalt einer nicht ausgezeichneten PDF-Datei erschließen wollen. Sie können zwar das Inhaltsverzeichnis vorgelesen bekommen, müssten es aber fast auswendig lernen, um sich im Dokument frei bewegen zu können. Ansonsten müssten sie das Lesen wieder von Vorne beginnen. Vielleicht haben Sie schon einmal davon profitiert, dass Ihr PDF-Reader die hierarchische Struktur des Werkes für Sie erschlossen und in Form eines Baumes angezeigt hat. Mit einem Klick wurde vor und zurück gescrollt, bis zum gewünschten Abschnitt. Genau diese Unterstützung brauchen auch Sehbehinderte. Die Seitennummer aus dem Inhaltsverzeichnis stammt aus der logischen Ebene (weil Deckblatt etc. nicht mit gerechnet werden), während das „Springen“ zu einer Seitennummer in der Datei auf der physikalischen Ebene erfolgt (jede Seite – auch Blindseiten – erhöhen den Zähler um 1). Man landet fast immer daneben.

Die sog. „tagged PDF“ erlaubt zudem den sog. „re-flow“. Man kennt es aus Ebooks im ePub-Format. Die Seitenzahlen scheinen sich in Luft aufzulösen, die Paginierung ein Zufallsprodukt. Kopfzeilen stören den Lesefluss nicht und die Fußnoten stehen am Kapitelende. Das „Tagging“ ermöglicht dem Screenreader (aber auch einem Ebook-Reader auf einem Tablet) den Inhalt so aufzubereiten, dass der Text ohne störende Unterbrechungen durch Kopf- und Fußzeilen gelesen werden kann. Wir – die sehenden – schauen darüber hinweg, nehmen es kaum noch war. Ein Computer kann es ohne Hinweise des Autors nicht unterscheiden.

Als ein absolutes Tabu gilt die Design-abhängige Sichtbarkeit von Text: Weiße Schrift auf dem Hintergrund eines dunklen Bildes wird im reinen Text-Modus auf einmal unsichtbar. Solche Voreinstellung („keine Bilder anzeigen“) kommt bei Sehbehinderten schon vor.

In der Wissenschaft ist es eine gute Sitte, Bilder, Tabellen und graphische Darstellungen zu beschriften. Der Leser erfährt, was darin zu erkennen ist, auch wenn es sich ihm nicht von alleine erschließt. Gleiches gilt für die Benutzer von Screenreadern. Ist die Beschriftung nicht in direkter Nachbarschaft des „nicht-narrativen“ Elementes zu finden, muss eine alternative Beschriftung hinterlegt werden. (Dies passiert üblicherweise sehr selten.) Reine Design-Elemente, die keine Aussagen treffen, müssen nicht beschriftet werden – dies würde den Lesefluss nur stören.

In diesem Zusammenhang dürfen die Export-Einstellungen nicht unerwähnt bleiben. Der Autor kann damit steuern, wie ein Dokument angezeigt werden soll („sofort als Vollbild über den gesamten Bildschirm“), was der Leser machen darf (DRM) und ob er die Behinderten an der Wahrnehmung des Werkes bewusst hindern will. Welche Sicherheitseinstellungen eine PDF-Datei vergeben bekommen hat, finden Sie unter „Datei- oder Dokumenteigenschaften“ heraus. Zu Zwecken der Langzeitarchivierung – wie sie vom SciDok und PsyDok verfolgt werden – ist es unerlässlich, „Entnahme einzelner Seiten“ (en. „Page Extraction“) und „Inhalte kopieren“ (en. „Content Copy“) zuzulassen. Diese Funktionen werden von der Deutschen Nationalbibliothek genutzt, um die PDF-Datei über Jahrzehnte hinweg lesbar zu machen. Auch wenn das Drucken per DRM untersagt ist, kann man das Verbot mit einem Trick umgehen. Das Einfügen von Kommentaren ermöglicht dem Leser das anlegen von Lesezeichen mit Text – eine sehr praktische Angelegenheit für Randnotizen, die man freundlicher Weise erhalten sollte.

Eine Kurzprüfung der Zugänglichkeit bietet Adobe Acrobat Reader unter der Tastenkombination „Umschalt+Steuerung+6“ (en. „shift+control+6“). Hierbei werden zwar keine Details und Rechte geprüft. Es wird dem Benutzer bestätigt, dass die Datei grundsätzlich zum Vorlesen geeignet ist.

Wenn möglich sollten sie Dokumentsprache sowie alle Sprachenwechsel in diesem ausgezeichnet werden, damit Blinde kein Kauderwelsch an Stelle des Französischen zu hören bekommen. (Google wird es ihnen ebenfalls danken.) Bei Verwendung von mehreren Sprachen, die über verschiedene Zeichensätze abgebildet werden müssen, ist unbedingt Unicode zu verwenden. Moderne Textverarbeitungsprogramme tun es ohnehin seit einigen Jahren. LaTeX-gesetzte PDFs sollten ebenfalls mit UTF-8 Zeichen geschrieben werden, da die „Simmulation von Sonderzeichen“ (wie sie früher praktiziert werden musste) überflüssig ist und manchmal anders vorgelesen wird, als wie sie für uns Sehende erscheint.

Achten Sie auf das „A“

PDF ist nicht gleich PDF. Es existieren mehrere Versionen von PDF (1.0-1.7). Einige von ihnen ergeben mit einer zusätzlichen Spezifikation eine besonders gut lesbare und archivierbare Kombination. Dazu zählen vor allem PDF/A mit seinen 2 Varianten A-1a (accesssible) und A-1b (basic – visuell identisch aber schlechter zugänglich). Seit 2011 existieren auch neuere Versionen PDF/A-2, die noch selten zum Einsatz kommen und zum Teil strikter sind als ihre Vorgänger.

Welche Folgen hat das fĂĽr die Publikationen der Open Access-Repositorien?

Die Eingereichten PDF-Dateien sollten möglichst frei von DRM sein: Drucken, Kopieren des Inhalts, das Entnehmen von Seiten und die freie Zugänglichkeit sind ein Minimum. Die Ausgabe in PDF sollte nicht als „Druckvorstufe“ geschehen. Die Dateigröße ist stünde dadurch in keinem gesunden Verhältnis zwischen Inhalt und Bildqualität (500MB für knapp 300 Seiten). (Solche Dateigrößen nehmen beim Download knapp hinter der nördlichen Grenzen des Saarlandes zum Teil noch einige Stunden in Anspruch.) Es müssen auch keine verlustfreien Exporte sein. Graphische Darstellungen in Poster-Größe können zusätzlich abgelegt und beschriftet werden oder als eigenes Werk mit eigener URN im Repositorium deponiert werden.

Der PDF/A-1-Standard ist unbedingt einzuhalten. Optimal wäre natürlich die Version 1-a. PDF/A-2 und -3 sind ebenfalls erlaubt. Faksimile ist nur schwer zugänglich und sollte nur mit hinterlegtem Text (z.B. im Falle von Retrodigitalisaten) eingespielt werden. Die inhaltliche Struktur des Dokumentes mit seiner internen Verlinkung ist aus dem gleichen Grund erwünscht. Elemente ohne inhaltliche Aussage (sog. „Artefakte“) sollten als solche ausgewiesen werden, außertextliche Darstellungen sollten immer beschriftet werden. Schriftarten sollten in die PDF „eingebettet“ werden, wenn sie nicht Arial, Times (New Roman), Serif oder Sans Serif heißen.

Der SchlĂĽssel zum Erfolg

Zu jeder geschlossenen Tür gehört ein Schlüssel, zu jeder Software eine Bedienungsanleitung. Wenn die Anforderungen an die Veröffentlichungen für Sie weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, ist Hilfe von Außen nötig. In der Linksammlung finden Sie viele hilfreiche Anleitungen und Deteilbeschreibungen. Das Thema ist nicht ganz so neu, doch es gibt nach wie vor zu wenige Schulungsangebote oder Schritt-für-Schritt-Chechklisten für wissenschaftliches Publizieren. Wir hoffen auf das Engagement entsprechender Stellen und möchten Sie beim Veröffentlichen – so weit es uns möglich ist – unterstützen. Unter den folgenden Links finden Sie die Antworten auf die meisten Fragen.

 

Empfehlenswerte Literatur:

  • Probiesch, Kerstin ; Hellbusch, Jan Eric: Barrierefreiheit verstehen und umsetzen : Webstandards fĂĽr ein zugängliches und nutzbares Internet. Heidelberg : dpunkt, 2011 (In unserer Bibliothek leider nicht erhältlich.)
  • Hausen, Olivia: Barrierefreie Hochschul-Webseiten : Grundlagen, Richtlinien und Methoden fĂĽr die Umsetzung. SaarbrĂĽcken : VDM, 2012 (In unserer Bibliothek leider nicht erhältlich.)
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