Don’t do it yourself. Heute: die Buchflickerei

12. Oktober 2017 – 19:54 Thomas Kees (922x aufgerufen) |

Liebe Leserinnen und Leser,

wohl wahr: digitale Medien haben viele Vorteile. Dutzende von Benutzern können gleichzeitig auf sie zugreifen. Sie lassen sich durchsuchen, per Copy & Paste in Teilen als (sauber vermerktes) Zitat in den eigenen Text übernehmen, notfalls auch nachts aufrufen. Und: sie gehen nie kaputt. Jedenfalls – Gottseidank – nicht so schnell (denn das Problem der digitalen Langzeiterhaltung haben auch die Fachleute in Verlagen, Medienanstalten, Archiven oder Bibliotheken noch nicht gelöst). Gingen sie allerdings kaputt, könnte man sie auch nicht mit Tesa-Film reparieren, was als deutlicher, wenngleich selten angeführter Unterschied zwischen digitalen und papierenen Ressourcen herhalten kann.

Wohl wahr: Tesa-Film hat viele Vorteile. Man kann damit Kindern die laufende Nase zukleben oder abgelöste Schuhabsätze befestigen. In früheren Zeiten ließ sich häufiger beobachten, dass Fahrer des Citroën 2 CV (meine Generation nannte dieses „Auto“ Ente) am Straßenrand standen und abgefallene Kotflügel mit Tesa-Film an die Wackelkarosserie anhefteten. Auch Fiat-Fahrer (FIAT = Fix it again, Tesa!) teilten mitunter dieses Schicksal.

So gesehen hat der Tesa-Film, der hier wie das Tempo-Taschentuch für eine Klasse von (Klebefilm-)Produkten steht, durchaus Vorteile und auch seine Berechtigung. Für einen bestimmten Anwendungsfall taugt die transparente Folie allerdings nicht: Risse und Schadstellen in Papierbüchern und -zeitschriften lassen sich mit Tesa-Film nicht reparieren. Zumindest nicht dauerhaft, denn der Film bzw. seine Klebebestandteile schädigen das Papier und den darauf aufgebrachten Text sehr viel stärker, als es der saubere Riss je vermöchte. In der Buchbinderei der SULB haben die dort tätigen Profis ihre arge Not mit der Beseitigung dieser gut gemeinten Verschlimmschlimmerungen, denn der herkömmliche Klebestreifen darf nicht auf dem Papier verbleiben, muss vorsichtig abgelöst und durch geeigneten Klebefilm ersetzt werden. Ein für diesen Zweck produziertes Reparaturband existiert durchaus, allerdings vermutlich nicht im Haushalt unserer Leserinnen und Leser.

Daher die Bitte: fallen Ihnen Schadstellen an Büchern oder Zeitschriften auf, ist Ihnen sogar selbst ein kleines Malheur passiert, greifen Sie bitte nicht zur Tesa-Rolle, sondern sparen sie sich den Film für den nächsten Schnupfen auf. Weisen Sie die Kolleginnen und Kollegen der Ortsleihe lieber bei der Buchrückgabe auf den Schaden hin. Man wird Ihnen nicht den Kopf abreißen, der sich mit Tesa-Film übrigens problemlos wieder fixieren ließe, sondern Ihnen im Gegenteil für den Hinweis danken und einen Orden anheften. Mit Tesa.

 

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