BMBF-Broschüre zum Urheberrecht in Forschung und Lehre, oder: Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

7. September 2019 – 13:35 Thomas Kees (250x aufgerufen) |

Gestatten Sie eine kleine Vorrede: die Kodifizierung des Rechts gehört zu den großen Errungenschaften der Menschheit. Die durch Gesetzgebung und Rechtsprechung geschaffene Rechtssicherheit sorgt für den Rahmen, innerhalb dessen wir unsere Gemeinschaften organisieren, unsere Konflikte und Spannungsverhältnisse ausgleichen und die unterschiedlichen Rechtsgüter und -ansprüche regulieren. So schützt beispielsweise die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) die persönlichen Rechte des Einzelnen vor Datenkraken in Staat und Wirtschaft, und das Urheberrecht regelt die berechtigten Interessen der geistigen Schöpfer*innen von Werken und ermöglicht dennoch die sinnvolle und weitgehend barrierefreie Nachnutzung dieser Werke in Forschung, Lehre und – natürlich – Bibliothek.

Sollte ich diese kleine Vorrede fortsetzen, würde vermutlich ein kleiner Teil der Leser*innen denken: „Schön war’s“. Und der große Rest: „Schön wär’s“. Denn die Praxis im Umgang mit unterschiedlichen Rechtsgütern erweist sich als ungemein hemmend, innovationsbremsend, verunsichernd. Kaum eine Arbeitssitzung in Bibliotheken kommt aus ohne die Einlassung eines der Diskutierenden: „Ich bin nun kein Jurist, aber … “

Wir erleben die Umsetzung der DSGVO in absurden Formen, beispielsweise in der Schwärzung von Kindergesichtern in KITA-Fotoalben, einer Übererfüllung des berechtigten Anspruches, die Autonomie über die eigenen Daten zurückzugewinnen. Wir erleben die Ironisierung der Sachverhalte etwa auf einem Forum des Historikertags 2018 zum Urheberrecht, als alle Podiumsteilnehmer*innen sich für den nächsten Historikertag auf einen Freigang im Gefängnishof verabredeten, um gemeinsam den Jailhouse Rock zu üben (unter uns: dies hätte überhaupt keinen Zweck. Die dort Versammelten würden nie an die Vorlage herankommen). Und ich erlebe eine SULB, die eigentlich die Digitalisierung und Webveröffentlichung der papierenen Vorlesungsverzeichnisse der Universität des Saarlandes ins Auge fasst, dies aber erstmal liegen lässt, weil die Privatadressen der ehedem hier Lehrenden in der damaligen Papierveröffentlichung mitunter aufgeführt wurden. Man ist ja kein Jurist, und ein Professorinnenwitwer könnte ja  …

„Was tun?“ (Что делать?), fragte schon Lenin, bekanntermaßen ein Jurist. Die Bibliothek antwortet natürlich: „Informieren!“ Und hier kann man auf einen reichen Fundus aus Informationsmaterialien zurückgreifen, die leider nicht immer sehr bekannt sind. Für den Bereich der digitalen Hochschullehre, dem sich die SULB – wie bereits seit Langem der Forschung – mit dem Aufbau des zentralen E-Learning-Systems Moodle besonders verpflichtet fühlt, wurden bereits einige sehr instruktive Handreichungen anderer Hochschulen zusammengefasst, die sich mit diesem speziellen Schrankenbereich des Urbeherrechts im Umfeld E-Learning auseinandersetzen. Nun erscheint eine quasi hochoffizielle Broschüre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), die unter dem Titel „Urheberrecht in der Wissenschaft. Ein Überblick für die Forschung, Lehre und Bibliotheken“ (=> direkter Download) in knapper Form ins Thema einführt und die wesentlichen Fragen beantwortet. Wir weisen sehr gerne darauf hin, vor allem darauf, dass es durchaus eine Fülle von Aktionsspielräumen und Bewegungsfreiheiten gibt, die man für Lehre und Forschung nutzen kann. Und seit der Novellierung des Urheberrechts wurden diese in Teilen sogar ausgeweitet (z.B. für Big Data-Analysen in der Forschung). Zwar genügt dies bei Weitem noch nicht, doch es bietet einen nutzbaren Rahmen, der die Wahrnehmung der kleinen Vorrede durchaus vom Konjunktiv in den Indikativ transferiert. Singen lernen für den Gefängnischor muss man also ebenso wenig wie Ängste entwickeln vor den Männern und Frauen in ihren schwarzen Roben. Und irgendwann veröffentlichen wir auch unsere alten Vorlesungsverzeichnisse. Versprochen.

TL;DR: Eine neue Broschüre des BMBF informiert über die Grundlagen des Urheberrechts und die Möglichkeiten seiner Anwendung in Forschung und Lehre. Heruntergeladen werden kann es hier.